Wohnprojekt Kierling, Wien

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1. Einleitung Der ausgewählte Bau ist ein 1977 – 1979 gebautes Haus für das der Autor bereits 2001 (gemeinsam mit dem Klima-Ingenieur Dr. Bruck) eine Studie erstellte, die für den Bauträger BUWOG aufzeigen sollte, wie eine beispielhafte Sanierung aussehen könnte. Für das betroffene Objekt war bereits ein älteres Vorprojekt vorhanden, das eine für den Bauträger übliche Sanierung vorschlug: Fenstertausch und Wärmedämmung sowie die Auswechslung der Elektroheizung durch eine Gas-Zentralheizung. Die Studie untersuchte Alternativen und kam zu dem Schluss, dass im konkreten Fall die Ausführung einer Passivhaussanierung nicht nur energetische, sondern auch finanzielle Vorteile bietet, damit als Ersatz für Elektroheizungen die aufwendige Installation von wasserführenden Heizkörpern (in bewohntem Zustand) vermieden werden konnte. Aus der Studie ergab sich zusätzlich, dass neben der energetischen Sanierung die Schaffung eines Zuganges für ältere Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen sowie die Verbesserung der architektonischen Qualität ebenso notwendig sind. Es konnte aufgezeigt werden, dass die Möglichkeit der Aufstockung und Nachverdichtung am Grundstück eine wertvolle Ressource darstellt, um eine hochwertige Sanierung bei den sehr knapp begrenzten Mieten zu ermöglichen. Vorschläge der aktiven Solarnutzung (Thermie und PV) sowie einer Biomasseheizung vervollständigten das Projekt zum Aktiv-Solarhaus. 2. Projektdaten zum Altbestand Das Objekt stammt aus den 70er Jahren und wurde aus Betonschalsteinen (mit geringer Wärmedämmung in der Außenschale) errichtet (Außenwand: U = 0,59 W/m²k; Dach: 0,25; Fenster: 2,87). Das Objekt steht auf einem steilen Nordhang, hat ein zur Nordseite freies Kellergeschoß und vier Obergeschoße. Drei leicht versetze Baukörper erschließen mit je einem Stiegenhaus zwei Wohnungen je Geschoß (ohne Lift). Südseitig zum Hang und westlich befinden sich in den Baukörper eingeschnittene Balkone. Im Bestand befinden sich 24 Wohnungen (1.953 m² Wohnnutzfläche und 169,6 m² Balkone bzw. Loggien). Dieser Bestand wird mit sechs Wohnungen (592,7 m²) am Dach und 13 neuen Wohnungen (1.280,4 m²) neben dem Altbestand ergänzt (insgesamt 43 Wohnungen). 3. Planung 3.1 Architekturkonzept Zunächst stellt die Barrierefreiheit sicher für alle Bewohner eine Qualitätsverbesserung dar. Die vorgesetzten Lifttürme setzten ein selbstbewusstes Zeichen für die Erneuerung des Gebäudes. Die neuen Wintergärten an der Südseite (verglaste ehemalige Balkone) bilden Pufferräume (geringer Wärmeverlust) und können in den oberen Geschoßen auch einen Beitrag zur Beheizung liefern. Der Ausbau des Dachgeschoßes wird mit Massivholzplatten ausgeführt. Neben den ökologischen Vorteilen bietet dieses System auch den Vorteil geringer Belastung für den Bestand und sehr schnelle Montierbarkeit. Der Dachausbau erspart Wärmedämm- und Sanierungsmaßnahmen am bestehenden Dach und kann zur Finanzierung der hochwertigen Sanierung des Bestandes beitragen. Da die Bebaubarkeit des Grundstückes noch nicht ausgenutzt ist, erfolgt eine entsprechende Nachverdichtung. 13 Maisonette Wohnungen werden durch zwei Laubengänge erschlossen. Die oberen Maisonetten erhalten ein Dachstudio mit großer Terrasse. Das Sanierungs- und das Neubauprojekt werden über eine gemeinsame zentrale Stiegen- und Aufzugsanlage erschlossen. Neubau Schnitt Regelgeschoß 3.2 Energiekonzept Um den „Passivhausstandard“ zu entsprechen, wird zunächst der Wärmeverlust minimiert: Das Gebäude wird mit 20 cm Vollwärmeschutz gedämmt, erhält neue (Passivhaus-)Fenster. Im Althaus schwieriger als im Neubau zu bewältigende Details erhalten spezielle Lösungen. Um zum Beispiel den Wärmeabfluss aus Wohnungen in den unbeheizten Kellern zu vermeiden, werden Kellerwände außen und innen gedämmt („dämmende Schürzen“). Die Wärmeverluste am Dach werden durch die neuen Aufbauten bzw. sehr gute Terrassendämmung minimiert. Das Erreichen des Passivhausstandards für die Gebäudehülle ermöglicht eine Beheizung über ein – in den vorhandenen Installationsschächten – neu installiertes Belüftungssystem. Was hier – zusätzlich zu den üblichen Vorteilen dieses Systems – auch den Vorteil bringt, dass kein neues Heizungssystem installiert werden muss, um die Elektro- Fußbodenheizung zu ersetzen. Die Luftverteilung erfolgt in einer abgehängten Decke im Sanitärbereich und im Vorraum. Zu den Wohnräumen wird eine staubfreie Kernbohrung durchgeführt, um die Luft über der Tür in die Zimmer einzublasen. Stemmarbeiten innerhalb der Wohnräume, wie sie für eine konventionelle, wasserführende Heizung in diesem Fall notwendig wären, können so vermieden werden. Innerhalb eines Projektes, das vom „Haus der Zukunft“ gefördert wurde, konnten verschiedene Varianten des Belüftungssystems berechnet werden, wobei sich – in diesem Fall – ergab, dass eine zentrale, solar gestützte Anlage sowohl die Umwelt betreffend als auch finanziell (über 25 Jahre gerechnet) die günstigste Lösung ist. Für Neubauten- und Sanierung (inklusive Dachaufbau) ist nun je eine zentrale Lüftungsanlage mit wohnungsweiser Nachheizung (semizentrales System) geplant. Die Wärme sowohl für die Heizung als auch für das Warmwasser liefert für beide Bauteile eine zentrale Biomasse-(Pellets-) Anlage. Der Variantenvergleich ergab, dass dies längerfristig sowohl finanziell als auch ökologisch die beste Lösung ist. Auf den südlichen Dächern der Altbau-Aufstockung wurden 90 m² thermische Kollektoren installiert. Die gewonnene Wärme wird in zentrale Speicher geliefert. Geplante PV-Elemente als Überhitzungsschutz wurden in der Ausführung eingespart und durch bewegliche Jalousien ersetzt. 3.3. Durchführung Als Grundlage für die Planung wurden umfangreiche Bestandsaufnahmen durchgeführt. Es wurde z.B. jede einzelne Wohnung mit einem Techniker des Architekturbüros und einem Vertreter des Bauträgers besucht. So konnte nicht nur jede einzelne Wohnung dokumentiert werden, sondern auch Verständnis für die Wünsche und Sorgen der Bewohner gewonnen werden. Es wurde mit den Bewohnern 2006 eine Exkursion zu einem Sanierungsprojekt durchgeführt und schließlich mit den Bewohnergruppen eine Veranstaltung im Gebäude (in einer leer stehenden Wohnung) organisiert, bei der das Sanierungsprojekt ausführlich erklärt und diskutiert wurde. Nur so war es möglich, von allen Mietern die notwendige Zustimmung zu dieser Sanierung zu bekommen. Das Projekt wurde im August 2006 zur behördlichen Genehmigung eingereicht und in Folge von einigen Nachbarn beeinsprucht und heftig bekämpft. Dies war nicht nur für den Planer mit enormen Zusatzaufwänden verbunden (Erstellung von Gegengutachten, viele Verhandlungen, etc.), sondern stellte auch ein großes Risiko für das Gesamtprojekt dar, da es für die Bewohner schwierig war, so lange auf den Sanierungsbeginn zu warten. Im September 2007 wurde schließlich die Baugenehmigung erteilt. Bedingt durch einen Bauboom in Österreich in der folgenden Zeit konnten zunächst keine akzeptablen Baupreise erzielt werden. Umplanungen sowie eine Vereinfachung der komplizierten Hangsicherungen für den Neubau und eine Neuausschreibung des Projektes erbrachten schließlich 2011 ein zufriedenstellendes Ergebnis. Erst April 2012 konnte mit dem Bau begonnen werden 4. Baustelle Die Rohbaugleiche erfolgte im Winter 2012 und die Fertigstellung im Sommer 2013. Die Sanierung erfolgt im bewohnten Zustand. Es werden jeweils vier übereinander liegende Wohnungen gleichzeitig saniert. Die Bewohner räumen jeweils den Vorraum, Bad und WC und können in einer der, über die lange Planungszeit frei gewordenen Wohnungen untergebracht werden oder nehmen Urlaub. Die Sanierungsmaßnahmen innerhalb dieser Wohnungen werden in jeweils drei Wochen fertig gestellt. Bedingt durch die lange Planungszeit ergaben sich auch mehrere technische Verbesserungskonzepte. So war es z.B. zu Planungsbeginn Standard, die gesamten Wohnungen auf eine Temperatur von 20° C auszulegen. Neuere Simulationen wurden auf 21° C ausgelegt und berücksichtigen, dass Umgebungswohnungen fallweise nicht beheizt werden. Diese höheren Ansprüche konnten dadurch kompensiert werden, dass nach Öffnung des Mauerwerkes genauere (und glücklicherweise bessere) Dämmwerte für die Steine des Bestandes vorlagen und jeweils für die Wohnungen im Randbereich eine höherwertige Dämmung (EPS plus) ausgeführt wurde. Ähnlich wurden zahlreiche andere Adaptionen realisiert.
Projektnummer :132
Status :Bauten
Link :www.reinberg.net/132
Bauherr :BUWOG
Planung :Architekt Georg W. Reinberg, Architekturbüro Reinberg GesmbH
MitarbeiterInnen :Margit Böck, Sabine Bartscherer, , Lucie Kosíková Weissová
Ort :Kierling, NÖ, Niederösterreich
Typ :Neubau, Zubau, Aufbau, Sanierung
Funktion :Wohnhaus
Eigenschaften :Kollektor, Wärmerückgewinnung, Holzbau, Passive Solarnutzung, Aktive Solarnutzung, Passivhaus
Planungsbeginn :2001
Baubeginn :April 2012
Fertigstellung :August 201
Gründstück :4812 m2
Wohnfläche :3825 m2