Bürobau mit dem man auch Auto fahren kann

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Städtebau Der Neubau liegt am nordöstlichen Rand von Ernstbrunn. Er nutzt die spezielle Lage am Bahndamm (Norden und Westen) und öffnet sich nach Süden und Osten. Durch die leicht lesbare, aber sehr markante Form kann eine beeindruckende Fernwirkung erzielt werden. Wer aus Richtung Wien kommend nach Ernstbrunn fährt, fährt auf der in Richtung des Gebäudes leicht abfallenden Bundesstraße auf das Gebäude zu. Ähnlich umfährt der Bahnfahrer das Gebäude südseitig (so ferne die Bahn zukünftig wieder einen regulären Betrieb aufnehmen wird). Nord- und westseitig ist das Gebäude in halber Höhe abgedeckt (durch den Bahndamm) und tritt ohne jede Störung der bestehenden Ortsstruktur auf. Die Südorientierung mit dem Schwenk gegen Osten öffnet das Gebäude auch kleinräumig in Richtung der Zufahrtsstraße und zeigt auch hier die offene und ökologisch orientierte Haltung der Nutzer. Das Gebäude gibt dank seiner Position ein weites, einladendes grünes Feld nach Süden frei. Funktionell wird klar in einen Bürobereich „im Grünen“ und einem Lagerbereich unterschieden. Nördlich des Bürogebäudes schließt ein geschützter Grünbereich direkt an das Gebäude an. Der nördliche Bereich am Bahndamm dient als Abstellanlage für den PKW-Verkehr. Zusätzlich gibt es westlich des fußläufigen Einganges zum Grundstück an der Zufahrtsstraße eine kleine PKW-Abstellanlage. Um das gesamte Wasser am Grundstück versickern zu können wurde das gesamte Gelände in Form von Rückhaltebecken moduliert. Prinzipiell wurde darauf geachtet, dass den Autos keine dominierende Stellung zukommt, sie bei der Annäherung an das Gebäude nicht wesentlich in Erscheinung treten, und dem Lagerbereich zugeordnet sind. Die größeren Flächen für die stehenden Autos sind durch den Bahndamm optisch „versenkt“. Städtebaulich tritt ein einfaches, ruhiges, aber durch die Glasfassade und dessen Biegung eindrucksvolles Gebäude in Erscheinung. Es bleibt dem Besucher durch seine Besonderheit leicht in Erinnerung. Architektur Entsprechend den speziellen Funktionen ist der Baukörper in zwei Teile geteilt: Eine sehr einfach konstruierte, funktionell optimierte Lagerhalle und ein einfach konstruiertes, in seiner Erscheinungsform aber speziell auf die Idee und die Haltung von Windkraft Simonsfeld abgestimmter Bürobau. Die Lagerhalle wurde aus Brettsperrholz erstellt und ist leicht ergänzbar oder in Teilen austauschbar. Dem Bürogebäude ist im Norden durch Verlängerung des Gebäudedaches in diese Richtung eine überdachte Lager und Zugangsfläche zugeordnet. So kann die Belieferung im trockenen erfolgen und Müll, Batterien und dergleichen können Regengeschütz untergebracht werden. Das Bürogebäude kombiniert unterschiedliche Funktionen in unterschiedlichen Bauteilen, die jeweils den besonderen Funktionen entsprechen. Büros Sämtliche Büros sind von Norden her direkt belichtet und erhalten zusätzlich von Süden diffuses Licht. Dadurch sind optimale Belichtungsbedingungen für einen Bürobetrieb geschaffen: beidseitiges Licht ohne direkte Besonnung, sodass kein Sonnenschutz (wie bei Ost, West oder Südorientierung nötig) die Tageslichtbeleuchtung beeinträchtigt. Diese Büros können innerhalb der Nord- und der Mittelwandwand völlig flexibel genutzt werden (leicht montierbare Trennwände). Die Mittelwand ist aus Beton (mit Lehm verputzt) ausgeführt um diesen Bauteil zur Kühlung und zur Beheizung aktivieren zu können. Wohnen/Essen/Besprechung/Nebenräume Diese Räume liegen an der Südseite, und Wohn- und Essbereich erhalten so – für diese Funktion sehr vorteilhaft – direktes Sonnenlicht. Beim Besprechungsraum und den Nebenräumen bleibt dieses Sonnenlicht auf limitierte Fensteröffnungen beschränkt. Empfang/Halle/Kommunikation Dieser Bereich ist im Winter vollständig direkt besonnt und im Sommer gänzlich beschattet. Er ist reich bepflanzt. So kann die Kommunikation stimuliert werden, es entsteht ein Kontrastraum zu den (licht- und temperaturmäßig) „standardisierten“ Büroräumen und es wird ein intensiver Bezug zur Umgebung, zur Sonne und zum Wetter hergestellt. Die Zweigeschossigkeit der Halle schafft eine großzügige Atmosphäre und zeigt die nicht einzig auf Gewinnstreben, sondern auf Qualität und Menschlichkeit orientierte Haltung der Windkraft Simonsfeld. Neben der Repräsentation gegenüber dem Besucher kann diese Halle auch viel für die Produktivität der Mitarbeiter beitragen: für den vereinzelt am Computer arbeitenden Menschen wird hier Kommunikation und Austausch angeregt und es kann die – stärker als im Bürobereich – wechselnde Temperatur dieses Bereiches durchaus kreislaufanregend wirken. Den Bezug zur Windkraft schafft diese Halle nicht nur dadurch, dass das – für die Windkraft wichtige – Wetter stets gut miterlebt werden kann, sondern auch dadurch, dass die Rundung der Verglasung eine Orientierung in Richtung des naheliegenden Windparks der Firma Windkraft Simonsfeld schafft. Die Galerie des Obergeschoßes ist in seiner Schräge genau in Richtung dieses Windparks orientiert. So kann „das Windrad“ ständig in seiner optimierten Funktion (nämlich am Berg) gesehen und erlebt werden und es kann auf – nur suboptimal untergebrachte – stromerzeugende Windräder am Grundstück (als Ausstellungsobjekt) verzichtet werden. Smart und Simpel / Energieeffektiv und Nachhaltig Das Gebäude ist in seiner Struktur sehr einfach aufgebaut: Tragende Wände (Südwand, Mittelwand und Nordwand), auf denen die Decke und das Dach und die Zwischendecke aufliegen bzw. im Falle des Lagers optimierte Wände und darauf aufliegend Dachelemente. Einzige Ausnahme ist die gekrümmte Südwand entsprechend der speziellen Funktion (Transparenz, Öffnung, spektakuläres Erscheinungsbild), wobei auch diese Konstruktion modular aufgebaut ist. Durch die gewählte Bauweise wird nicht nur die Konstruktion verbilligt, sondern es wird auch – innerhalb der jeweiligen Bauteile – Flexibilität geschaffen. Auf bewegliche Teile auf der Fassade des Gebäudes wird verzichtet (nur die verwendeten Dachflächenfenster und die glasschrägen des besprechungsraumes haben innenliegende Rollos. Im Süden gibt es eine starre horizontale Verschattung (im Sommer steht die Sonne im Süden hoch, im Winter steht sie im Süden tief). Auf die im Bürobereich jedenfalls kritischen Fenster (starker sehr flacher Sonneneinfall im Sommer könnte nur durch Reduktion der Tageslichtbeleuchtung erreicht werden) wird im Osten und Westen gänzlich verzichtet. Ostfenster gibt es nur in beschränkter Ausführung für Nebenräume bzw. als Ausgang für die Halle ins Freie. Das Energiekonzept agiert zunächst – betriebskostensparend – passiv: gute Wärmebewahrung durch hohe Dämmung, beste Gläser, gute Details, Luftdichtigkeit, Sommernachtkühlung, Beschattung, Belüftung, passive Solarnutzung im Winter. Sofern im Weiteren mechanische Unterstützung nötig ist, erfolgt der Betrieb dieser Mechanik unterstützt durch Windkraft. Erst dann, wenn die Windkraft nicht mehr direkt einsetzbar ist (Wasserpumpe bei Windstille oder mechanische Belüftung bei zu wenig Wind) erfolgt der Betrieb dieser mechanischen Geräte mit Hilfe von Strom. Eine massive lehmverputzte Speicherwand (Beton) samt Stiege und der obere Gangbereich sowie Steinböden in der Halle ermöglichen die passive Solarnutzung und die passive Nachtkühlung (ausreichend Speichermasse). Innenseitig mit Lehmputz versehene Holz-Außenwände ergänzen dieses Konzept. Damit kann die Technik auf ein Minimum reduziert werden bzw. kommt minimiert zum Einsatz. Die üppige Bepflanzung im Innenbereich (Pflanzenbecken) unterstützt die Feuchteregulierung, wirkt schallhemmend und ist staubbindend. Das Gebäude verfügt über eine kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung (Zuluft/ Abluft = 1850 m³/h). Das Bürogebäude ist mit 637 m² PV-Elementen ausgestattet (193 m² an der Fassade und 444 m² am Dach), deren Leistung knapp 50KWpbeträgt. Zusätzlich können im Weiteren noch 800 m² am Dach des Lagers und über den PKW-Stellplätzen angebracht werden. Außerdem verfügt das Bürogebäude über 34 m² thermische Kollektoren und einen 3000 Liter Pufferspeicher. Zusätzliche Wärme- und Kühlleistung wird über 11 Tiefenbohrungen dem Erdreich entzogen und im Falle der Wärme über eine Wärmepumpe (20 KW) zu Verfügung gestellt. Die Kühlung des Servers erfolgt mittels Grundwasser, dessen Pumpe von einem langsam laufenden Windrad unterstützt wird. Das Regenwasser wird in einer Zisterne zur Gartenbewässerung gesammelt bzw. vor Ort zum Versickern gebracht. Die Simulationsergebnisse belegen, dass schon mit der Photovoltaik-Grundausstattung ein Netto-Plus-Energiegebäude geschaffen wurde. Schlussbemerkung Insgesamt geht es bei diesem Architekturkonzept nicht um ein Nebeneinander von – gleichberechtigter – Architektur, Energieversorgung und Nachhaltigkeit, sondern um die Einheit dieser Elemente: um eine neue Architektur, die durch die Nutzung der erneuerbaren Energiequellen und durch seine Nachhaltigkeit neue und bessere Architekturqualitäten schafft und die Architektur selbst weiterentwickelt. So kann das Thema Energieeffizienz und Nachhaltigkeit am besten dargestellt werden. Ausgezeichnet mit: klimaaktiv FOLD- 965 Punkite Kontakt und Infos: Arch. Georg W. Reinberg Architekturbüro Reinberg ZT GmbH A-1070 Wien, Lindengasse 39/10 fon: +43 1 524 82 80, email: architekt@reinberg.net www.reinberg.net   Projektbeteiligte: Generalplaner: Architekturbüro Reinberg, ZT GesmbH, Mitarbeiter: DI Christian Federmair, federmair@reinberg.net Mag. Arq.lic. Martha Enriquez- Reinberg, M.Arch. Martha Isabel Carvallho, Mag.Arch. Antonio Leonte - anarchleo@gmail.com www.reinberg.net gemeinsam mit: Energiekonzept und Simulation: IPJ Ingenieurbüro P. Jung GmbH, Köln DI Patrick Jung jung@jung-ingenieure.de www.jung-ingenieure.de Luftbadgasse 3/8,1060 Wien Tel.: +49 221 989493 www.jung-ingenieure.at Haustechnik: BPS Engineering DI Hannes Schwahofer sh@bps.co.at Bernhard Schiesser sb@bps.co.at www.bps.co.at Statik: JR Consult ZT GmbH, Graz DI Johann Riebenbauer office@jrconsult.at www.jrconsult.at Grünraumplanung: D\D Landschaftsplanung GmbH, Wien DI Anna Detzlhofer office@detzlhofer.at www.dnd.at Kulturtechnik: Zivilingenieur für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft Dipl. Ing. Wawra, Wien zt.wawra@aon.at Gebäudeentwicklung, Mediation M.O.O.CON® GmbH, Wien b.herzog@moo-con.com www. moo-con.com Bauphysik: Ibo Österreichisches Institut für Bauen und Ökologie GmbH, Wien DI Thomas Zelger, thomas.zelger@ibo.at Felix Heisinger, felix.heisinger@ibo.at Mag. FH Rudolf Bintinger, rudolf.bintinger@ibo.at www.ibo.at
Projektnummer :270
Status :Bauten
Link :www.reinberg.net/270
Bauherr :Windkraft Simonsfeld
Planung :Architekt Georg W. Reinberg, Architekturbüro Reinberg ZTGesmbH
MitarbeiterInnen :Christian Federmair, Martha Enriquez-Reinberg, Marta Isabel Carvalho, Georg W. Reinberg, Antonio Leonte
Ort :Ernstbrunn, Niederösterreich
Typ :Neubau
Funktion :Bürogebäude, Werkstatt, Lager, Gewerbebetrieb, Wintergarten
Eigenschaften :Photovoltaik, Kollektor, Wärmerückgewinnung, Betonkernaktivierung, Holzbau, Brunnenkühlung, Passive Solarnutzung, Aktive Solarnutzung, Passivhaus, Klima-aktiv Haus, Umweltfreundliche Bauführung, Behindertengerecht
Wettbewerb :2011. 04
Planungsbeginn :2011. 11
Baubeginn :2013. 03.
Fertigstellung :2014. 05.
Gründstück :8 m2
Nutzfläche :1560 m2
Umbauter Raum :6511 m3