Sagedergasse

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Der Bauherr, den ich von meinen grundsätzlichen Ideen zum solaren Bauen überzeugen konnte, bot mir die Chance, diese umzusetzen. Allerdings auf einem für diesem Zweck und auch städtebaulich schwierigem Grundstück: es ist Ost-West-orientiert und ein „Restgrundstück“ zwischen sehr hohen Bauten im Westen (bis neun Geschosse) und einer Einfamilienhausbebauung im Osten. Die Herausforderung war im Entwurf sowohl die Solararchitektur in ihren Prinzipien klar umzusetzen und gleichzeitig auf die widersprüchlichen städtebaulichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Städtebau Der Baukörper als Gesamtes hat einerseits genug „Masse“, um gegenüber den großen Bauten im Westen zu bestehen, andererseits bleiben die jeweiligen Dachgeschoße der Maisonetten (mit Wohnraum, Küche und Galerie) innerhalb der Dimensionen der Einfamilienhäuser. Die Gärten der Erdgeschoßwohnungen, die Terrassen der Maisonetten und der Zugang zu den Wohnungen direkt vom öffentlichen Erschließungsweg nehmen den Lebensstil der Einfamilienhäuser auf, während der gemeinsame Baukörper, die gemeinsame Energieversorgung, Garage, Entsorgung usw. die Vorteile des Wohnens in größeren Wohnhäusern bieten. Die Fassade zur Sagedergasse (von hier erfolgt die Erschließung) besteht aus einem Sockel (in Einfamilienhausdimension) und einer aufgesetzten Glasfassade mit einem darüber hinausragenden Schutzdach. Dadurch, dass diese Fassade viel näher an der Sagedergasse liegt als die hohen Nachbarbauten erscheint die Oberkante des Flugdaches ebenso hoch wie die großen Nachbargebäude. Solararchitektur Die in den bisherigen Bauten entwickelten Grundsätze des solaren Bauens waren das möglichst kompakte Bauen, die Öffnung des Gebäudes nach Süden (sodass möglichst alle im Winter zur Verfügung stehende Sonne passiv genutzt werden kann), die Integration der thermischen Kollektoren in das Gebäude und die Nutzung von PV-Elementen als „fliegender Teil“ (gut belüftet) und nicht nur zur Stromgewinnung, sondern mit Doppelfunktion (zur Kostenreduzierung). Dementsprechend öffnen sich die Dachflächen jeder einzelnen Maisonette-Wohnung – über einen Wintergarten – nach Süden. Die Dachformen ermöglichen ein Minimum an gegenseitiger Verschattung (bzw. ein Minimum an verlorener Sonneneinstrahlung) und ein annäherndes Optimum an passiven solaren Gewinnen. Formal bedeutet dieses Öffnen zur Sonne auch ein Öffnen der Architektur (mit allen sich daraus ergebenden Tageslichtqualitäten). Zur weiteren Optimierung der passiven Solarernte kragen die Wintergärten südlich und westlich aus, sind leicht gerundet und in Richtung Süden zum Baukörper etwas verschwenkt. Der spezifischen Dachform liegt die Idee zugrunde, dass die tiefen Sonnenstrahlen in ihrem Tagesgang dann den geringsten Schatten erzeugen, wenn ein Baukörper der Form eines halben Kegels entspricht. Die aktive thermische Solarnutzung erfolgt über ein Kollektordach. Über dieses ragt ein Vordach hinaus, das für PV-Nutzung vorgesehen war. Gebäudestruktur Im länglichen Baukörper befinden sich im Erdgeschoss unterschiedlich große Wohnungen, die direkten Zugang zu Privatgärten haben. Darüber befinden sich Maisonetten, deren Eingang ebenfalls im Erdgeschoss liegt. Im 1. Obergeschoss dieser Maisonetten befinden sich die Schlafräume, ein Erker und der Sanitärkern. Im Dachgeschoss liegt am Sanitärkern die Küche. Östlich der Küche ist der Essplatz platziert und nördlich (mit ost-, west- und indirekter Süd-Belichtung) der Wohnraum. Auf die Küchenbox ist eine Galerie gestellt. Südlich ist dem Dachgeschoss jeweils ein Wintergarten (der seitlich in das Schlafgeschoss heruntergezogen ist) vorgestellt und eine Terrasse vorgelagert. Der „Kopfbau“ an der Sagedergasse verschließt sich nach Süden (Kollektoren) und beherbergt unter dem Solardach ein Büro. Im Erdgeschoß befindet sich ein Geschäft, darüber eine Wohnung. Energiekonzept Entsprechend der beschriebenen Grundstückssituation wurde – zunächst nur intuitiv aus der Erfahrung heraus – ein Energiekonzept verfolgt, das die Kombination verschiedenster Strategien vorsieht. Diese Basisvariante konnte über eine Simulationsrechnung (TAS) überprüft werden. Im Vergleich zur Basisvariante wurden diverse Einsparungen oder Verbesserungen untersucht und es wurden die entsprechenden Energieverbräuche dargestellt. Diese Ergebnisse konnten – nach Vorliegen der Anbotsergebnisse der ausführenden Firmen – auch in ihren Kostenauswirkungen (bezogen auf die Rückzahldauer) verglichen werden, was eine gezielte Arbeit wesentlich erleichterte. Die Wärmebewahrung ist auch hier wichtigster Ausgangspunkt für das Energiekonzept. Die Wärmedämmung der Gebäudehülle findet ihre Ergänzung durch eine zentrale Lüftungswärmerückgewinnung. Das Leitungssystem dieser automatischen Lüftung wird im Kellerbereich geführt. Von hier erfolgt die Verteilung vertikal über die Installationsschächte und im weiteren in untergehängten Decken über den Gängen und Sanitärräumen. Die passiven Solargewinne aus dem Wintergarten werden automatisch (über das vorhandene Lüftungssystem) in die Schlaf- und den Wohnraum übertragen. Automatische Lüftungsklappen und Einrichtungen zur Dauerlüftung sorgen für den sommerlichen Überhitzungsschutz. Die Frischluft für das Lüftungssystem wird über einen 48 m langen Erdkanal angesaugt (Rohrdurchmesser 48 cm). Über diesen Kanal wird die Luft im Winter vorgewärmt (Frostschutz) und im Sommer etwas vorgekühlt. Das Warmwasser wird über Warmwasserkollektoren (56 m² Flachkollektoren, 1.500 Liter Pufferspeicher und 500 Liter Brauchwasserspeicher) geliefert. Durch die Einsparung der traditionellen Dachhaut, die Vermeidung von Aufständerungen und die Verwendung von Großkollektoren (12 m²) sowie durch eine günstige Förderung (25% der Anschaffungskosten) wurde eine Rückzahldauer von unter 4 Jahren erreicht. Das Dach ist auf eine annähernd vollständige Deckung im Sommer ausgelegt. Der restliche Wärmebedarf für die Heizung (z.B. lt. Simulationsrechnung 18,4 KWh/m²/a für die Maisonetten) erfolgt aus dem Netz der Fernwärme-Wien (nur in der Heizsaison in Betrieb). Eine Photovoltaik-Anlage war in der Form eines Vordaches mit optimaler Arbeitsweise vorgesehen. Ziel der Photovoltaikanlage wäre es, den Strommehrverbrauch durch die alternativen Wärmesysteme (Pumpen, Ventilatoren) mehr als zu kompensieren. Obgleich diese PV-Anlage – dank der gegebenen Förderungen und Ersparnis der Blech-Eindeckung – eine Amortisationszeit von unter 2 Jahren hatte, war der Bauherr gegen die Errichtung und sie wurde nicht ausgeführt. Das Projekt bot mir jedenfalls – trotz der ungünstigen Grundstückskonfiguration – die Möglichkeit, den grundsätzlichen Überlegungen zum solaren Bauen Gestalt zu geben und damit gleichzeitig die städtebaulichen Fragestellungen zu beantworten. Dass damit auch mehr Nutzfläche gewonnen werden konnte als in einem üblichen, direkt der Bauordnung entsprechendem Bau war natürlich mit ein Grund für die tatsächliche Realisierung. Trotz der schwierigen baubehördlichen Rahmenbedingungen gelang – sicherlich auch deshalb, weil dem Architekten die gesamte Architektenleistung inklusive örtliche Bauaufsicht oblag – die Ausführung innerhalb der Kostenlimits der Förderung. Das Projekt erhielt in der Beurteilung der Wohnbauförderung die bislang höchste Punktebewertung (aus Ökologie, Wirtschaftlichkeit und Architektur). Technische Besonderheiten: Passive Solarnutzung über Wintergärten – eingebunden in das Lüftungssystem, zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Erde-Luft-Wärmetauscher zur Vorwärmung und Kühlung der Zuluft, Warmwasserkollektoren.
Projektnummer :57
Status :Bauten
Link :www.reinberg.net/57
Bauherr :Genossenschaft Altmannsdorf-Hetzendorf
Planung :Architekt Georg W. Reinberg, Architekturbüro Reinberg GesmbH
Ort :Wien 12, Wien
Typ :Neubau
Funktion :Wohnhaus, Gewerbebetrieb
Planungsbeginn :1994
Baubeginn :1997
Fertigstellung :1998
Gründstück :1276 m2
Nutzfläche :940 m2